Ach, Ihr kennt wohl das Horn vom Kyffhäuser überhaupt nicht? Ganz so dramatisch, wie es vielleicht nach den ersten Zeilen klingt, ist die Angelegenheit auch nicht. Es geht um die Jungfernfahrt eines Narrenschiffes am vergangenen Wochenende. Ganz freiwillig wurde ich Zeuge der Aktion, weil sie nämlich nicht auf hoher See spielte sondern in der Wipperau unterhalb des Kyffhäuser. Dort - zwischen Bad Frankenhausen und Sondershausen in Nordthüringen - gibt es zwei Dörfer, die einem Karnevalsverein den Namen geben, der eine lange Tradition hat - der Wippertaler Carnevals Club Rottleben-Bendeleben (WCC). Rottleben ist dabei der Ort, aus dem das bekannte Top-Model Vera Padberg herstammt, und Bendeleben jener Ort, in dem es nicht nur eine ganz berühmte Orangerie und einen historisch wertvollen Schlosspark gibt. Dort ist auch der Kirchturm schräg, wenn auch nicht ganz so schlimm wie in Bad Frankenhausen. Man könnte also meinen, eine schräge Gegend. Jedenfalls sind dort in dieser Jahreszeit wirklich einige schräge Typen dort ziemlich aktiv. Rottleben und Bendeleben sowie die benachbarten Dörfer der Kyffhäuserregion sind ein Hochburg des Karnevals und die närrische Kreuzfahrt auf der “Aida Bellem”, dem Narrenschiff, ist jenes Programm, das am Sonnabend im Saal der Gemeindeschänke von Bendeleben auf Jungfernfahrt ging. Sozusagen. Ich durfte all das miterleben, weil ich dort mit meiner Frau zu Gast war. Denn meine Frau stammt aus dem Örtchen mit der schrägen Kirche…
Noch schräger ist aber ein Urgestein des WCC - Jürgen Müller. Der “Lange” ist seit Jahren eine unverzichtbare Größe in den Programmen der Narren dort, als Büttenredner und Obernarr mit Wahnsinnsmimik und schier unerschöpflichen Pointen und Kalauern. Ein Garant für Stimmung und Zwerchfellmassage, wenn es um die närrische Unterhaltung geht. In Worten ist das aber kaum zu erklären, man muss den Jungen live erlebt haben. Bis Aschermittwoch macht der WCC insgesamt neun Sitzung, doch die meisten der Veranstaltungen sind lange vorher ausverkauft. Die “Frühbucher” wissen warum. Der Verein schafft es seit Jahrzehnten glänzend, die Jugend frühzeitig einzubinden. Also haben die Wippertaler eine stattliche Truppe von Narren, die alljährlich ein knapp vierstündiges Büttenprogramm der Extraklasse aufbieten. Sogar der Ortsbürgermeister Martin Brückner ist voll mit eingespannt - als Darsteller auf der Bühne ebenso wie als Sänger. Und mit der “Lady Carneval” Petra Liegner, einer versierten Musikpädagogin, haben die WCC-Jecken ja auch eine starke Macherin mit Ideen. Und singen kann sie sowieso, etwa im Duett mit Ehemann Jürgen - mit Gitarre und Keyboard…
Unbd dann haben die Wippertaler noch einen weiteren “Bühnenkracher” (eigentlich noch viel mehr, etwa das Trommler-Corps), nämlich den WCC-Vize Ulli Preuße. Der eigentlich auf die Rolle des Till spezialisiert ist und als solcher hochkarätige Büttenreden mit politischem Anpfiff den Kampagnen beisteuert. In diesem Jahr tritt Ulli Preuße aber als deutscher Michel im Nachhemd und mit Kerze auf. Aber von Schlafmützigkeit keine Spur, da sind die Leute hellwach, wenn er die große und kleine Politik pointiert aufs Korn nimmt. Übrigens einer, der eigentlich in so eine Thüringer Fernsehsitzung des MDR gehört, wie auch der Jürgen Müller. Die Erfurter Karnevalsvorderen sollten sich vielleicht mal ein Ticket für eine Kreuzfahrt am Kyffhäuser besorgen....
Über das Programm könnte ich ja noch eine Menge erzählen, aber das erspare ich mir. Hier auf der TLZ-Homepage gibt es ja eine Bildergalerie von der närrischen Kreuzfahrt am Kyffhäuser. Dem Kapitän des närrischen Dampfers und WCC-Präsidenten Friedbert Gärtner durfte ich übrigens für die Föderation Europäischer Narren (FEN) einen dekorativen Orden überreichen. Er hat ihn natürlich für die ganze Crew bekommen, denn die tragen ja miteinander die tolle Gesamtleistung zusammen. Wer eventuell noch etwas mehr erfahren möchte kann dazu auch im Musikstadt-Blog nachlesen…
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